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Man darf die Augen nicht verschließen ...

Autorenbild: Isabel (engineerwife)
Isabel (engineerwife)
24. Aug.
2 Min. Lesezeit

In dieses Buch bin ich anfangs ehrlich gesagt nicht ganz leicht hineingekommen. Der Schreibstil und vor allem die unterschiedlichen Handlungsstränge haben es mir zunächst etwas schwer gemacht, mich zu orientieren. Vielleicht hätten mir hier ein paar Überschriften über den jeweiligen Erzählsträngen geholfen, um schneller zu erkennen, in welcher Zeit und bei welcher Figur ich mich gerade befinde. Doch irgendwann hat die Geschichte plötzlich ihren Sog entwickelt – und ab diesem Moment konnte ich das Buch kaum noch aus der Hand legen.

Im Mittelpunkt steht Inge Sundermann, die 2023 als 85-Jährige – zunächst sehr widerwillig - zu einem Klassentreffen in die Lüneburger Heide zurückkehrt. Mit diesem Ort verbindet sie eine belastende Erinnerung aus ihrer Kindheit, denn 1946, als achtjähriges Mädchen, machte Inge eine schreckliche Entdeckung: Auf dem Weg zu ihrem Geigenunterricht findet sie im Wald die Leiche einer jungen Frau. Was danach geschieht, ist geprägt von Lügen, Schweigen und Vertuschung – und wird Inge ein Leben lang begleiten. Eine wichtige Rolle spielt außerdem Helga von Borcke, die bereits 1946 damit beginnt, die Ereignisse und die Geschichte der Region in Tagebuchaufzeichnungen festzuhalten. Durch ihre Aufzeichnungen wird die Vergangenheit für Inge Jahrzehnte später wieder lebendig und sie wird Dinge erfahren, die sie ganz schön aus der Bahn werfen!

Anja Jonuleit verbindet dabei die beiden Zeitebenen 1946 und 2023 und verknüpft eine persönliche Familiengeschichte mit einem erschreckenden Stück deutscher Nachkriegsgeschichte. Die Lüneburger Heide, die zunächst so idyllisch wirkt, wird zum Schauplatz von Kriegsverbrechen und alten Nazi-Seilschaften. Besonders bedrückend fand ich dabei den Gedanken, dass Täter noch Jahrzehnte später unbehelligt mitten in der Gesellschaft und sogar innerhalb von Familien leben konnten.

Je weiter ich gelesen habe, desto mehr wollte ich wissen, wie die einzelnen Puzzleteile zusammengehören und was damals tatsächlich geschehen ist. Genau diese zunehmende Spannung hat letztendlich dazu geführt, dass ich das Buch am Ende in einem Rutsch beendet habe. Und genau dafür vergebe ich von Herzen kommende vier von fünf Sternen verbunden mit einer Leseempfehlung. Das Thema wurde schon sehr oft in wahren Berichten und auch fiktionsmäßig behandelt und immer wieder bin ich schockiert, wie bereitwillig man Geschehnisse unter den Teppich kehrt, frei nach dem Motto: „Irgendwann muss auch mal gut sein!“


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