Eine Familie. Drei Perspektiven. Unzählige Gefühle ...

Ein Highlight! Was für ein großartiger Roman! Moa Herngren hat mich mit „Geschwister“ emotional gepackt und gleichzeitig immer wieder darüber nachdenken lassen, wie unterschiedlich Menschen ein und dieselbe Vergangenheit wahrnehmen können.
Im Mittelpunkt stehen die drei erwachsenen Geschwister Ulrika/Ullis, Andrea/Nea und Rasmus/einfach nur Rasmus. Nachdem ihr Vater gestorben ist, treffen sie sich im Elternhaus, um den Geburtstag ihrer Mutter zu feiern. Eigentlich könnte dieser Tag ein gemeinsamer Moment des Zusammenhalts werden – doch stattdessen brechen alte Wunden, Rivalitäten und längst verdrängte Konflikte wieder auf.
Ullis, die Älteste, empfindet die Beziehung zwischen ihrer Mutter und Andrea als besonders eng und sieht in ihrer jüngeren Schwester noch immer das verwöhnte Lieblingskind des Vaters. Andrea, die Mittlere, wiederum fühlt sich von ihrer großen Schwester ausgeschlossen und glaubt, für die Familie immer besonders viel leisten und zusammenhalten zu müssen. Und dann ist da Rasmus, der Jüngste, der sein Leben lang zwischen seinen beiden Schwestern stand und sich dabei häufig und vollkommen zu Recht wie ein Außenseiter innerhalb der eigenen Familie gefühlt hat.
Als nach dem Tod des Vaters auffällt, dass Gegenstände aus dem Elternhaus verschwunden sind, eskaliert die Situation. Plötzlich geht es längst nicht mehr nur um ein paar Dinge, sondern um alte Verletzungen, um Anerkennung, Liebe, Bevorzugung und die Frage, wer eigentlich das Recht hat, die gemeinsame Vergangenheit zu erzählen.
Genau hier liegt für mich die große Stärke dieses Romans: Moa Herngren erzählt die Geschichte aus den unterschiedlichen Perspektiven der drei Geschwister. Und je mehr man liest, desto deutlicher wird, dass jeder von ihnen seine ganz eigene Wahrheit besitzt. Ein Ereignis, das für Ulrika eine bestimmte Bedeutung hatte, kann Andrea oder Rasmus völlig anders erlebt haben. Dadurch verändert sich der Blick auf die Figuren immer wieder – und genau das hat mich so fasziniert. Während meine Sympathien zu Anfang eindeutig bei Andrea lagen, änderte sich mein Blickwinkel immer wieder, je tiefer ich in das Buch eintauchte.
Besonders beeindruckend fand ich, wie authentisch die Autorin familiäre Dynamiken beschreibt. Neid, Eifersucht, Schuldgefühle, Missverständnisse und der Wunsch nach Anerkennung verschwinden nicht einfach, nur weil man erwachsen wird. Manche Verletzungen aus der Kindheit begleiten einen ein Leben lang und beeinflussen Beziehungen, ohne dass man es selbst immer bemerkt.
Und obwohl ich zeitweise mit einzelnen Figuren gehadert habe, konnte ich sie doch alle verstehen. Niemand ist hier ausschließlich Opfer oder Täter. Jeder trägt seine eigene Geschichte, seine eigenen Erinnerungen und seine eigenen blinden Flecken mit sich herum. Gerade dadurch wirken Ulrika, Andrea und Rasmus unglaublich menschlich und glaubwürdig. Wie schade, dass sie so viele Jahre unwiederbringliche Lebenszeit damit verbracht haben, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen.
„Geschwister“ ist für mich kein oberflächlicher Familienroman, sondern eine psychologisch sehr fein beobachtete Geschichte über die Macht von Erinnerungen, die Zerbrechlichkeit familiärer Beziehungen und die Frage, ob es überhaupt eine einzige Wahrheit über die eigene Kindheit geben kann.
Moa Herngren schreibt präzise, emotional und schonungslos ehrlich. Sie schafft es, mich gleichzeitig zu berühren, zu ärgern und zum Nachdenken zu bringen. Und genau solche Bücher bleiben bei mir hängen.
Für mich ist „Geschwister“ ein absolut lesenswerter, intensiver und bemerkenswert authentischer Familienroman. Dafür gibt es von mir fünf dicke, fette Sterne verbunden mit einer überzeugten Leseempfehlung. Diese Autorin werde ich im Auge behalten!











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